Aufruf “Kundgebung gegen Femizide, sexualisierte Gewalt und Machtmissbrauch”
Die Enthüllung, mit der Collien Fernandes vor wenigen Tagen an die Öffentlichkeit gegangen ist, ist leider kaum überraschend und dennoch nicht weniger schockierend: Die Person, die ohne ihr Wissen oder ihre Einwilligung intime Bilder von ihr erstellt und verbreitet hat, mit KI erstellte Vergewaltigungsfantasien geteilt hat und mit FakeProfilen “Telefonsex” in ihrem Namen mit Menschen aus ihrem Umfeld geführt hat, war ihr eigener Mann, der Vater ihres Kindes, Christian Ulmen. Ein weiterer, prominenter Fall sexualisierter Gewalt eines (Ex-)Partners gegenüber seiner (Ex-)Partnerin. Abscheuliche Taten, Machtmissbrauch eines Mannes gegenüber einer Frau. Doch es geht nicht nur um einen Mann, denn hunderte, tausende, waren entweder unmittelbar als Empfänger involviert oder haben das Material angesehen und nichts dagegen unternommen, im Gegenteil.
Weinstein, MeToo, Pelicot, Epstein, Ulmen und so viele mehr: mittlerweile gibt es alle paar Wochen, wenn nicht sogar alle paar Tage neue Fälle, neue Enthüllungen über die Misshandlung von FLINTA* (Frauen, Lesben, inter-, nicht binäre, transgeschlechtliche und agender Personen). In Deutschland werden täglich Frauen Opfer von versuchter oder vollendeter tödlicher Gewalt, oft durch Partner oder Ex-Partner. 2023 wurden 938 Mädchen und Frauen Opfer von versuchten oder vollendeten Tötungsdelikten (+1,0 Prozent, 2022: 929). Dies entspricht einem Anteil von 32,3 Prozent aller Opfer von Tötungsdelikten. Der Anteil an weiblichen Opfern, die im Zusammenhang mit partnerschaftlichen Beziehungen Opfer von Tötungsdelikten wurden, liegt bei 80,6 Prozent. Insgesamt wurden 360 Mädchen und Frauen Opfer vollendeter Taten. Demnach gab es 2023 beinahe jeden Tag einen Femizid in Deutschland.
52.330 Frauen und Mädchen wurden Opfer von Sexualstraftaten (2022: 49.284 Opfer, +6,2 Prozent), hiervon war über die Hälfte unter 18 Jahre alt.
Auch die Digitale Gewalt nimmt zu. Über 17.193 Frauen und Mädchen wurden im vergangenen Jahr Opfer Digitaler Gewalt, zum Beispiel von „Cyberstalking“ oder anderen Delikten. Hier ist mit 25 Prozent ein deutlicher Anstieg der weiblichen Opferzahlen im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen (2022: 13.749 weibliche Opfer). (Quelle: Lagebild “Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten” des BKA, 2024) Diese Ausmaße zeigen: Gewalt gegen Frauen hat System und ist strukturell in unserer Gesellschaft verankert. Wir müssen dagegen kämpfen. Auch bei den neuesten Enthüllungen durch Collien Fernandes ist der Schmerz, die Empörung, die Wut jedoch fast ausschließlich weiblich, wird vor allem von FLINTA* öffentlich demonstriert. Es sind fast ausschließlich FLINTA*, die dazu Videos machen, kommentieren, Artikel schreiben, Ungerechtigkeit und Gewalt anprangern. Und vollkommen zu Recht stellen sie die Frage: Wo sind die Männer? Wo bleibt deren Aufschrei, deren Wut, deren Einsatz?
Es kann nicht sein, dass die Wut andauernd auf Seiten der (potenziell) Betroffenen bleibt. Dass es immer ihre Aufgabe und Arbeit ist, die Missstände anzuprangern und die berechtigte Wut darüber zum Ausdruck und auf die Straße zu bringen, wenn die Täter fast immer Männer sind. Vor allem Männer müssen deshalb laut werden, deutlich werden, unterdrückende Strukturen bekämpfen, sich reflektieren, Verhalten verändern, Fehlverhalten ansprechen, ihre Freunde, Kumpels, Kollegen, Mannschaftskameraden, Brüder, Väter und Onkel checken. (Die Scham muss die Seiten wechseln.)
Wir müssen endlich konkrete Maßnahmen einfordern, die Frauen wirksam vor Gewalt, Bedrohung, Belästigung und Misshandlung schützen. Verantwortliche müssen endlich handeln, in der Kommune, im Land, im Bund und in Europa. Diese Kundgebung soll dazu eine erste Möglichkeit geben, aber auch eine Aufforderung sein.
Auch wenn auf dieser Kundgebung selbstverständlich FLINTA* zu Wort kommen sollen, richtet sich dieser Aufruf vor allem an Männer: Empört euch! Übernehmt endlich Verantwortung, zeigt Haltung, zieht endlich Konsequenzen!
Kommt -alle- am 27.03., ab 17 Uhr, zum Porta Nigra Vorplatz. Wir sehen uns dort.
Fragen und Anfragen zur Anmeldung von Beiträgen an nils-claasen@web.de