06.01.2021 Mittwoch – bis – 16.02.2021 Dienstag | Arbeitskreise & Projektgruppen

Ausstellung: Die I.G. Farben und das KZ Buna-Monowitz: Wirtschaft und Politik im Nationalsozialismus

Ausstellung des Fritz Bauer Instituts mit Begleitprogramm in Trier

„Buna ist hoffnungslos, durch und durch trübe und grau. Diese ausgedehnte Wirrnis von Eisen, Zement, Schlamm und Qualm ist die Verneinung der Schönheit schlechthin. Ihre Straßen und Bauten werden mit Zahlen und Buchstaben benannt wie wir, wenn sie nicht unmenschliche und unheilvolle Namen tragen. In diesem Bereich wächst kein Grashalm, und die Erde ist getränkt mit den giftigen Säften von Kohle und Petroleum. Nichts lebt hier, nur Maschinen und Sklaven: und jene mehr als diese“. so Primo Levi (1919 – 1987) ist ein Überlebender des Konzentrationslagers Buna-Monowitz.
Die Ausstellung wird in Trier vom 6.1. – 16.2.2021 und danach an der Uni gezeigt. Eröffnung ist am 12.1.2021. Im Begleitprogramm gibt es Filme, einen Rundgang, einen Gottesdienst und Vorträge zum Thema.

Primo Levi  der italienische Schriftsteller und Holocaustüberlebende

hat in seinem autobiographischen Roman „Ist das ein Mensch?“ über seinen elfmonatigen Zwangsaufenthalt an diesem Ort berichtet. Seine Erzählungen prägen maßgeblich die Erinnerungen an den Holocaust mit.

Dr. Heinz Kahn war in Buna interniert

Neben Levi war auch der im Jahr 1922 in Hermeskeil geborene Dr. Heinz Kahn in Buna interniert. Bekanntheit erlangte Kahn vor allem dadurch, dass er die jüdische Kultusgemeinde in Trier neu mitbegründete und ihr erster Vorsitzende wurde. Der langjährige Vorsitzende der Jüdischen Kultusgemeinde Koblenz wohnte später mit seiner Frau Inge Kahn in Polch und starb 2014, im Alter von 91 Jahren. In einem Interview für das Wollheim Memorial, welches es sich sowohl zur Aufgabe gemacht hat, die Geschichte der Opfer von Buna-Monowitz zu bewahren als auch ihre Entschädigung zu dokumentieren, schildert Heinz Kahn seine Erfahrung über das Vernichtungslager Buna: „Ich hab ungefähr 75kg gewogen, als ich ins Lager kam, und als ich in den Krankenbau kam (Komma?) hab ich noch 44kg gewogen. Also es ging wie ein Abreißkalender. Also nicht allein wegen dem schlechten Essen, sondern das seelische (mit Großbuchstaben?) und moralische (mit Großbuchstaben?)vor allen Dingen. Wir waren zum Tode verurteilt. Man hat uns ja gesagt, ihr seid hier (Komma?= um zu verrecken. Der einzige Weg aus diesem Lager ist durch den Kamin oder über den Rost“ (Quelle: http://www.wollheim-memorial.de/de/dr_heinz_kahn [Interview 31:40 – 32:05]).

Die unrühmliche Rolle der IG Farben

Der Chemiekonzern IG Farben ließ ab 1941 in unmittelbarer Nähe zum Konzentrationslager Auschwitz eine chemische Fabrik zur Produktion von Buna errichten, einem für die Kriegswirtschaft wichtigen synthetischen Kautschuk. Neben deutschen Fachkräften setzte das Unternehmen auf der riesigen Baustelle Tausende von Häftlingen aus dem KZ Auschwitz, außerdem Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus ganz Europa ein. Mit der SS arbeiteten die IG Farben-Manager eng zusammen. Foto: DIE BAUSTELLE DER I.G. AUSCHWITZ | Auschwitz, um 1943/44 | © Frankfurt am Main, Fritz Bauer Institut

Für die ständig steigende Zahl von KZ-Häftlingen errichteten sie 1942 gemeinsam mit der SS das firmeneigene Konzentrationslager Buna-Monowitz. Tausende Häftlinge kamen durch die unmenschlichen Arbeitsbedingungen auf der Baustelle zu Tode oder wurden in den Gaskammern in Auschwitz-Birkenau ermordet, sobald sie nicht mehr „arbeitsfähig“ waren. Wer zur Zwangsarbeit nach Buna-Monowitz abkommandiert worden war, lebte im Durchschnitt nur noch etwa drei Monate lang.

Auch der Essayist Jean Améry war Häftling in Buna-Monowitz. In seinen Reflexionen über die Erfahrung von Haft und Folter, die unter dem Titel „Jenseits von Schuld und Sühne. Bewältigungsversuche eines Überwältigten“ 1966 erschienen, schreibt er über die unterschiedlichen Chancen der Häftlinge, zu überleben:

„Ein Schlosser etwa war ein privilegierter Mann, da man ihn in der zu errichtenden IG-Farben-Fabrik brauchen konnte und er die Chance hatte, in einer gedeckten, der Witterung nicht ausgesetzten Werkstatt zu arbeiten. Das gleiche gilt für den Elektriker, den Installateur, den Tischler oder den Zimmermann. Wer Schneider oder Schuster war, hatte vielleicht das Glück, in eine Stube zu kommen, wo man für die SS arbeitete. Für den Maurer, den Koch, den Radiotechniker, den Automechaniker gab es die Minimalchance eines erträglichen Arbeitsplatzes und damit des Überstehens. Anders war die Lage dessen, der einen Intelligenzberuf hatte. Ihn erwartete das Schicksal des Kaufmanns, der gleichfalls zum Lumpenproletariat im Lager gehörte, das heißt: er wurde einem Arbeitskommando zugeteilt, wo man Erde aufgrub, Kabel legte, Zementsäcke oder Eisentraversen transportierte.“

Aber für alle Häftlinge stand der Alltag unter der unmittelbaren Drohung, ermordet zu werden. Sie ging nicht nur von der SS aus, sondern ebenso von den Mitarbeitern der I.G. Farben, deren Werk hier „I.G. Auschwitz“ hieß. Häftlinge, die als nicht mehr „arbeitsfähig“ beurteilt wurden, schickten die SS-Ärzte zur Ermordung in die Gaskammern im Vernichtungslager Birkenau. Schwache Häftlinge waren ständig in Gefahr, einer Selektion zum Opfer zu fallen.

Ausstellung des Fritz Bauer Instituts dazu in der VHS Trier

Die Ausstellung zeichnet Entstehung, Alltag und Auflösung des KZ Buna-Monowitz nach. Historische Fotographien, die anlässlich eines Besuches von Heinrich Himmler, dem Reichsführer SS, am 17. und 18. Juli 1942 gemacht wurden, dokumentieren die Perspektive von SS und I.G. Farben. Sie werden kontrastiert mit autobiographischen Texten von überlebenden Häftlingen, darunter Primo Levi, Jean Améry und Elie Wiesel, sowie Aussagen von Überlebenden in den Nachkriegsprozessen. Informationen zu den Gerichtsverfahren und den Bemühungen der Überlebenden um Entschädigung nach 1945 ergänzen die Ausstellung, sie ist als Wanderausstellung konzipiert.

In seinem Buch „Die Atempause“ beschreibt der Buna-Monowitz-Überlebende Primo Levi die Zeit nach der Befreiung durch die Rote Armee und die lange Reise zurück nach Italien. Im Schluss liegt angedeutet, dass die Überlebenden lebenslang von ihren Erinnerungen verfolgt werden.

„Und immer noch sucht mich, bald häufiger, dann wieder selten, ein entsetzlicher Traum heim […] plötzlich weiß ich, was es zu bedeuten hat –, und weiß auch, daß ich es immer gewusst habe: Ich bin wieder im Lager, nichts ist wirklich außer dem Lager; alles andere waren kurze Ferien, oder Sinnestäuschungen; Traum: die Familie, die blühende Natur, das Zuhause. Der innere Traum, der Traum vom Frieden, ist nun zu Ende, der äußere dagegen geht eisig weiter: Ich höre eine Stimme, wohlbekannt, ein einziges Wort, nicht befehlend, sondern kurz und gedämpft. Es ist das Morgenkommando von Auschwitz, ein fremdes Wort, gefürchtet und erwartet: Aufstehen, ‚Wstavać‘“ (Primo Levi: Die Atempause. München: dtv 1994, S. 245f.).

Die Ausstellung des Fritz Bauer Instituts geht ursprünglich zurück auf eine Präsentation von Dokumenten und Passagen aus der literarischen Überlieferung von Überlebenden, die anlässlich des weltweiten Treffens der ehemaligen Häftlinge des Konzentrationslagers Buna-Monowitz im Oktober 1998 gezeigt wurde. Dieses Treffen der Überlebenden fand im früheren Verwaltungsgebäude der I.G. Farben auf dem heutigen Campus Westend der Goethe-Universität in Frankfurt am Main statt und war das erste seit 1945. Die Überlebenden formulierten den Wunsch, dass auf dem Gelände des I.G. Farben-Hauses ein Erinnerungsort für das KZ Buna-Monowitz, ihre ermordeten Kameraden und für den Kampf um Entschädigung entstehen sollte.
Diese Initiative gab den Anstoß für das Wollheim-Memorial und die Benennung des Platzes vor dem I.G. Farben-Haus nach Norbert Wollheim. Er hatte für den Konzern in Buna-Monowitz Zwangsarbeit leisten müssen und erreichte in den fünfziger Jahren durch Klagen vor Gericht, dass das Unternehmen Entschädigungszahlungen an ehemalige Häftlinge entrichten musste. Die Ausstellung wurde 2018 überarbeitet und neugestaltet.

Partner

Diese Gedenkausstellung zum 27. 1.2021 ist ein Gemeinschaftsprojekt der Forschungs- und  Dokumentationsstelle SEAL Universität Trier (Foto links), AG Frieden, Volkshoch-schule, Katholische Hochschulgemeinde und Evangelischen Studentinnen- und Studentengemeinde Trier.

Ausstellungseröffnung

Oberbürgermeister Wolfram Leibe eröffnet die Ausstellung am 12. Januar 2021 (Raum 5,  VHS am Domfeihof).

Dazu ist ein Gastvortrag des Fritz-Bauer-Instituts geplant.

Ausstellungszeitraum

Die Ausstellung kann vom 06.01. bis 16.02.in der Volkshochschule am Domfreihof von Montag bis Samstag während den Öffnungszeiten der Bücherei besucht werden. Die Ausstellung wird nach Beendigung in der VHS bis Mitte März auch in der Bibliothek der Universität zu sehen sein. Öffnungszeiten der Bücherei: Montag: 15-18 Uhr, Dienstag: 12-15 Uhr, Mittwoch: 10-13 Uhr, Donnerstag: 16-19 Uhr, Freitag: 10-13 Uhr, Samstag: geschlossen (Foyer teilweise länger geöffnet)

Begleitprogramm

Die Hochschulgemeinden werden am 27. Januar 2021 aus Anlass des Gedenktages wie in den Vorjahren einen Ökumenischen Gottesdienst anbieten. Dieser wird um 18:30 Uhr im Rahmen der Theologengottesdienste in der Jesuitenkirche stattfinden. Der Gottesdienst wird von Kirsten Denker-Burr und Andreas Mühling gemeinsam gehalten, die musikalische Begleitung hat Regionalkantor Volker Krebs. In Kooperation mit dem Broadway-Filmtheater wird im Agendakino der Film: „Sons of Saul“ von 2015 gezeigt, an der Uni ist zudem der Film „La tregua – Die Atempause“ geplant, der auf dem gleichnamigen Roman des italienischen Schriftstellers Primo Levi aus dem Jahre 1963 beruht. Aus Anlass des Nationalen Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus lädt die AGF am 27. Januar zu einem Rundgang gegen das Vergessen ein. Startort und -zeit werden noch bekannt gegeben. Im Rahmen der Ausstellung sind weitere Vorträge und Veranstaltungen zu dem Thema geplant.

Bitte beachten Sie die Ankündigungen in der Tagespresse.

Bisheriger Stand:

Di 12. Januar: Eröffnung der Ausstellung mit Oberbürgermeister Wolfram Leibe und einem Vortrag des Fritz-Bauer-Instituts
Mi 27. Januar: Rundgang gegen das Vergessen (Startpunkt und Uhrzeit werden noch bekannt gegeben) von der AGF
Mi 27. Januar 18.30h: Ökumenischen Gottesdienst der Hochschulgemeinden, Jesuitenkirche von KHG und ESG
Mi 03. Februar 19.30h: Agendakino:Sons of Saul“ (2015) ungarisches Filmdrama von László Nemes über Möglichkeiten und Grenzen des Widerstandes im NS-Vernichtungslager, im Broadway mit Nachgespräch (AGF)
Zudem geplant: Film: La tregua – Die Atempause, der auf dem gleichnamigen Roman des italienischen Schriftstellers Primo Levi aus dem Jahre 1963 beruht und weitere Vorträge (SEAL, Universität Trier)

Alles unter Vorbehalt und entsprechend der dann geltenden Coronaverordnung.

Matthias Spartz

Fotos: DIE BAUSTELLE DER I.G. AUSCHWITZ | Auschwitz, um 1943/44 | © Frankfurt am Main, Fritz Bauer Institut